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Thesenpapier anlässlich 70 Jahre Grundgesetz

70 Jahre Grundgesetz – Kampagnengrafik der WerteInitiative

Anfang April hatten wir die Ehre, den Bundespräsidenten a. D. Joachim Gauck und die Autorin Thea Dorn zu einem Podiumsgespräch zum Thema „70 Jahre Grundgesetz: Vom Kopf ins Herz“ begrüßen zu dürfen. Die ehrliche und spannende Diskussion konnte sicher nicht alle Fragen beantworten, gab aber viel Stoff zum Nachdenken. Hier das Thesenpapier zur Zusammenfassung des Abends.

Thesen von Joachim Gauck

  • Auch als jemand, der nur Freiheit kennt, kann man Freiheit wertschätzen.
  • Anti-freiheitliche Gruppen haben eine große Anziehungskraft, da sie Menschen scheinbar einfache Lösungen für als komplex wahrgenommene Situationen bieten bzw. ihnen die Verantwortung für den Kampf um die Aufrechterhaltung von Freiheit abnehmen.
  • Mit Freiheit umzugehen muss daher erlernt werden und sollte bereits früh in der Erziehung beginnen. In der Schulzeit kann auf Kinder positiv eingewirkt werden, um sie zu ich-starken, reifen Bürgern zu erziehen. Nur so werden sie die Position des anderen ertragen können, ohne aggressiv zu werden.
  • Bei der Vermittlung von Freiheitswerten muss beachtet werden, dass nicht jeder mit den gegebenen Möglichkeiten und den großen Freiheiten ohne Hilfestellung umgehen kann. Benötigt wird ein offener Austausch von Argumenten, auch von kontroversen Meinungen. Eine Gesellschaft, die sich ihrer Werte sicher ist, muss auch eine robuste Debatte ertragen können – eine Gesellschaft ohne, oft auch extreme, Gegensätze ist nicht möglich und wird schnell einseitig und unfrei. Den Falschen muss man durch Argumente beikommen.
  • Deutschland kann wieder unterscheiden zwischen falsch und richtig, und daher ist eine positive Wiedereinkehr der Begriffe „Heimat“ und „Nation“ möglich.
  • Panikmache lenkt vom Wesentlichen ab. Daher braucht es weniger Fokus auf die Ränder, sondern mehr Blick auf das Netzwerk und auf die, die in Freiheit leben wollen.
  • Praktisch: Filme, Lieder und Gedichte können die Emotionen eines Landes bewegen. Positive Potenziale müssen gestärkt werden, und wir müssen uns mehr darauf besinnen, was wir alles geschafft haben. Menschen, die Nation fühlen, müssen wir zusammenbringen – Verfassungspatriotismus mit Nähe, Vertrautheit und Beheimatet-Sein verbinden.

Thesen von Thea Dorn

  • Menschen mit anderer Sozialisation haben auch das Bedürfnis nach Freiheit (wollen ihren Alltag aber nicht diktiert bekommen) und haben einen „Freiheits-Trieb“. Diesen Trieb muss man wecken.
  • Wir brauchen frischen Wind im emotionalen Erleben. Freiheit (dieser frische Wind) kann sich auch kalt anfühlen. Man muss in der Erziehung erreichen, dass Menschen Freiheit nicht als Auflösung von Sicherheit, sondern als Chance begreifen.
  • Wertebasierter Patriotismus kann emotional und fühlbar werden – beispielsweise indem Schulklassen in die Paulskirche fahren oder sich im Unterricht selbst eine Verfassung geben und eigene Gedanken machen. Gleiches gilt für Integrationskurse.
  • Neue Medien stärken Anonymität und reflexhaftes Reagieren, das auf die eigene Bezugsgruppe ausgerichtet ist. Daher muss im Unterricht gelernt werden, wie man Diskussionen führt und anderen zuhört. Digitalisierung braucht Bildung.
  • Ein Patriotismus für Ich-Schwache muss den Menschen als Bürger stärken: zum einen durch Unterstützung und „safe spaces“, aber auch durch Gegenwind. Jemand, der nicht weiß, wo er hingehört, hat Schwächen.
  • Ein vitaler Staat braucht Vielfalt UND Einheit. Diese Bipolarität zwischen Verschiedenheit und Einigkeit müssen wir aushalten.

Vorschläge zur Wertevermittlung

  • Position 1: Niedrigschwellige und frühe Vermittlung von reifer Diskussionskultur an Kinder und Jugendliche.
  • Position 2: Emotionale Herangehensweise durch direkten und persönlichen Bezug zu abstrakten Werten des Grundgesetzes: Verfassungspatriotismus muss Nähe und Vertrautheit ansprechen, beheimatet sein und verbinden.
  • Position 3: Von einer konkreten Erfahrung kann ein emotionaler Bezug zu Allgemeinem entstehen – z. B. über die Identifikation mit der Heimat-Mannschaft-Begeisterung für Fußball.
  • Position 4: Die gesellschaftliche Mitte muss im Zentrum positiver Aufmerksamkeit stehen und nicht die Ränder.

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